ZEHN - Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen

WANN ZEIGEN MENSCHEN DIE GRÖßTE VERÄNDERUNGSBEREITSCHAFT BEI ERNÄHRUNGSPOLITISCHEN MAßNAHMEN? WIE DEBATTEN UM VERMEINTLICHE VERBOTE VERMIEDEN WERDEN KÖNNEN

Ob Steuern, Werbebegrenzungen oder Labels – Ein häufiges Argument gegen ernährungspolitische Eingriffe ist, dass die Bevölkerung solche politischen Maßnahmen angeblich nicht wünscht. Aber stimmt das? Oder ist die Thematik doch vielschichtiger und so pauschal nicht zu beantworten?

Doreen Buchheiser Robert Bosch Stiftung
© Benjamin Zibner / Robert Bosch Stiftung

Die aktuelle Studie von More in Common und der Robert Bosch Stiftung hat hier genauer hingeschaut. Im Interview klärt Doreen Buchheiser auf, wie ernährungspolitische Veränderung mit Rückhalt in der Gesellschaft funktioniert und leitet davon ab, was Multiplikator*innen in Sprache und Praxis beachten sollten.

 

Ihre Studie zeigt, dass Angst, Misstrauen und Verletzlichkeit in der Gesellschaft sich darauf auswirken, wie Menschen die aktuelle Ernährungspolitik bewerten. Wie zeigt sich das?

Ernährung ist eng mit Identität, Alltag und Kultur verknüpft. Unsere Studie zeigt: 84 % der Befragten denken bewusst über die Art und Weise nach, wie sie sich ernähren. Unsere Gespräche haben aber auch eine große Verletzlichkeit gezeigt. Man kennt es selbst: Regelmäßig scheitern wir im Alltag am eigenen Anspruch, sich gesünder und bewusster zu ernähren – etwa, weil Zeit, Geld oder klare Orientierung fehlen. Gerade widersprüchliche Informationen, hohe Preise für die gesündere Wahl oder familiäre Belastungen führen dazu, dass Menschen sich überfordert fühlen.

Hinzu kommt die Sorge, sich rechtfertigen zu müssen: Wer sich nicht „vorbildlich“ ernährt, erlebt schnell Abwertung. Viele sprechen dann lieber nur im persönlichen Umfeld über Ernährung und möchten diese Debatte nicht in den politischen Raum tragen. Nur 30 % der Befragten haben den Eindruck, dass in der öffentlichen Debatte Leute wie sie ausreichend zu Wort kommen, sogar nur 24 %, dass überhaupt ausreichend an das Wohl der Bevölkerung gedacht wird. Diese Erfahrungen prägen auch die Bewertung der Ernährungspolitik: Wer sich nicht gesehen oder verstanden fühlt, reagiert skeptisch auf politische Maßnahmen – nicht aus Ablehnung, sondern aus dem Wunsch nach mehr Orientierung.

Gleichzeitig zeigt unsere Studie: Wenn Menschen losgelöst von dieser Skepsis über Ernährung sprechen, sind sie an vielen Stellen gestaltungsbereit und offen für Veränderung. Das heißt: Angst, Misstrauen und Verletzlichkeit sind keine Hürden, die Veränderung verhindern – sondern Hinweise darauf, wie Politik gestaltet sein muss: verständlich, respektvoll und alltagsnah.

 

Das ist eine wichtige Erkenntnis. Sie hilft uns, die Menschen besser zu verstehen. Viele Menschen nehmen laut Ihrer Studie die Ernährungspolitik derzeit als wirkungslos, ungerecht und ideologisch wahr. Können Sie uns erklären woran das liegt und was dahinter steckt?

Diese Wahrnehmung hat viel mit Vertrauen und Repräsentation zu tun. Menschen vertrauen vor allem ihrem persönlichen Umfeld und jenen, die sie als kompetent und unabhängig wahrnehmen – etwa Ärzt:innen, der Wissenschaft oder Landwirt:innen. Politik hingegen wird oft als zu weit entfernt und von wirtschaftlichen Interessen beeinflusst wahrgenommen. Als größte Herausforderungen unserer Ernährung wurden der Preisanstieg, Lebensmittelverschwendung, ungesunde Produkte für Kinder sowie der Wegfall traditioneller Lebensmittelgeschäfte bewertet. Teilnehmende in den Fokusgruppen äußerten sehr offene Zweifel daran, ob sich die Politik gegen starke wirtschaftliche Interessen durchsetzen kann. Preiserhöhungen, schädliche Inhaltsstoffe und Verpackungstricks – all das wurde in den Fokusgruppen angesprochen und sind Alltagserfahrungen, die das Gefühl verstärken, dass politische Maßnahmen nicht ausreichend greifen. Diese Skepsis gegenüber der aktuellen Ernährungspolitik zeigt, wie wichtig es ist, Vertrauen zurückzugewinnen.

Die Studie zeigt: Die Menschen wünschen sich sehr wohl politische Gestaltung – insbesondere dort, wo sie sich Schutz und Orientierung erhoffen. Nicht zuletzt befürworten über 83 % der Befragten die Durchsetzung und Kontrolle strengerer Produktionsstandards für die Lebensmittelindustrie – einer der am stärksten befürworteten politischen Vorschläge in der Erhebung. Die hohe Zustimmung zu strengeren Standards zeigt: die Menschen sind bereit für Veränderung – wenn sie das Gefühl haben, dass Politik in ihrem Sinne handelt.

 

Wie kommt es dann aber dazu, dass ernährungsbezogene Debatten oft auch mit „Verboten“ und „Bevormundung“ assoziiert werden und dadurch abgelehnt werden?

Das hat mehrere Gründe – und sie liegen tiefer, als es auf den ersten Blick scheint.

Die eigene Ernährung ist eine höchst persönliche Entscheidung und mit unserer Biografie, unseren Gewohnheiten und Vorlieben verbunden. Wenn politische Vorschläge als Eingriff in diese Sphäre empfunden werden, entsteht schnell Ablehnung – selbst dann, wenn die Ziele eigentlich geteilt werden. Hinzu kommt: Wer sich ohnehin schwer tut mit den eigenen Ansprüchen, und sich zudem gesellschaftlich nicht gehört fühlt, reagiert besonders sensibel auf moralisch aufgeladene Debatten. Laut unserer Studie empfinden 70 % die öffentliche Debatte als spaltend, 42 % fühlen sich in ihr persönlich angegriffen. Das kann Rückzug auslösen – oder bei guter Ansprache auch Beteiligung ermöglichen.

Aber genau hier liegt auch der Schlüssel: Die Studie macht deutlich, dass es nicht um die Ablehnung von Ernährungspolitik an sich geht – sondern um die Art, wie sie gestaltet und kommuniziert wird. Statt mit Verboten zu arbeiten, kann Politik Möglichkeitsräume und gute Angebote schaffen: durch klare Kennzeichnung, faire Preise, gute Infrastruktur und eine Umgebung, in der gesunde, nachhaltige und regionale Ernährung verfügbar und leistbar ist. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie ernst genommen werden und ihre Lebensrealität berücksichtigt wird, sind sie sehr wohl bereit, Veränderungen mitzutragen. Die Herausforderung liegt also nicht im Thema selbst – sondern darin, wie wir es gemeinsam gestalten und kommunizieren: mit Respekt, Klarheit und konkreten Angeboten.

 

Interessant. Es ist also auch entscheidend, wie die Themen angegangen werden. Sie gehen in der Studie auch darauf ein, dass es einen Unterschied macht, wie Fragen gestellt werden. Fragt man Menschen mit einer binären ja-/nein-Frage, ob die Politik unsere Ernährung mitgestalten soll oder nicht, wünscht die Mehrheit (56 %), dass sich die Politik aus der Ernährung heraushält. Bedeutet das also, dass die Gesellschaft größtenteils keinen politischen Handlungsbedarf in diesem Feld sieht?

Nein, im Gegenteil. Die Zahl zeigt, wie wichtig es ist, Ernährungspolitik klug und sensibel zu gestalten. Viele Menschen sorgen sich, dass Eingriffe zu weit gehen oder die eigene Lebensweise abwerten. Sie wollen keine Bevormundung, aber es gibt einen Wunsch nach klaren Rahmenbedingungen und politischer Verantwortung - etwa bei der Ernährung von Kindern, beim Tierschutz oder der Lebensmittelqualität.  

Dass die Gesellschaft politischen Handlungsbedarf sieht, haben auch die Ergebnisse des Bürgerrats „Ernährung im Wandel“ des Deutschen Bundestags gezeigt. Denn auch wenn die Debatte oft sehr polarisiert geführt wird, zeigen beide Formate eine überraschend breite Einigkeit. Statt binärer Fragen braucht es offene Dialogformate, die Raum für unterschiedliche Perspektiven und Abwägung lassen – wie der Bürgerrat eindrucksvoll gezeigt hat. Und die Bereitschaft dazu zeigen auch die Ergebnisse unserer Studie: 75 % der Befragten wünscht sich, selbst über wichtige Rahmen in der Ernährungspolitik mitabstimmen zu wollen, ganze 65 % würden sogar gern aktiv in partizipativen Formaten mitberaten. 

 

Sehen Sie diesen Wunsch nach ernährungspolitischer Gestaltung auch darin, dass nur 14 % der Befragten sagen, dass die Politik genug Verantwortung dafür übernimmt, dass wir uns gut und sinnvoll ernähren können. Wie passt das mit dem Ergebnis der binären Frage zusammen?

Darin liegt eine Herausforderung – und zugleich eine große Chance für eine zukunftsfähige Ernährungspolitik: Mit einer Rahmensetzung, die Wahlfreiheit ermöglicht und gleichzeitig Qualität sichert, wächst Akzeptanz. Menschen sind ambivalent und vielschichtig: Sie können gleichzeitig Verantwortungsübernahme einfordern und dabei Fehlsteuerung fürchten. Wenn Landwirtschaft mit 63 % und die Bevölkerung mit knapp 46 % nach der Wahrnehmung der Befragten genug Verantwortung übernehmen, zeigt es auch, dass diese Gruppen sich mit der Verantwortung allein gelassen fühlen.

Bei der nicht binär gestellten Frage, ob die Politik genug Verantwortung übernimmt, haben nur 12 % die Antwortoption gewählt, dass sich die Politik ganz aus Ernährungsfragen heraushalten soll. In den Fokusgruppen haben sich viele gewünscht, dass sie Wahlfreiheit bei ihrer Ernährung behalten. Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen: Wer im Supermarkt einkauft, will darauf vertrauen können, dass alle angebotenen Produkte im Einklang mit Gesundheit, Umwelt und Tierwohl sind und unter fairen Bedingungen produziert wurden.

 

Bringen Sie das für uns noch einmal auf den Punkt: Wann sind Menschen offen für politische Maßnahmen? Wann zeigt sich die meiste Veränderungsbereitschaft?

Im geschützten Raum zeigen viele Menschen, dass sie mitgestalten wollen und offen für konstruktive Lösungen sind. Wenn man hitzige Debatten außen vorlässt und den Menschen auf Augenhöhe begegnet, zeigen unsere Daten: 64 % der Menschen in Deutschland halten große Veränderungen für notwendig – über alle gesellschaftlichen Gruppen hinweg.

Menschen sind besonders dann offen für Veränderungen, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Lebensrealität ernst genommen wird. Besonders groß ist die Zustimmung bei Themen wie Tierschutz, gerechter Bezahlung in der Landwirtschaft oder der Qualität von Lebensmitteln. Auch beim Klimaschutz gibt es Zustimmung – allerdings mit Unterschieden zwischen den gesellschaftlichen Gruppen.

Insbesondere da, wo es um die Bezahlbarkeit, den Schutz von Kindern, unsere Gesundheit und den Schutz von Tieren geht, gibt es breite Mehrheiten für Veränderung. Wichtig ist: Die Bereitschaft steigt, wenn die Maßnahmen nachvollziehbar, fair und machbar sind. Wenn etwa gesunde Produkte bezahlbar sind, regionale Angebote gestärkt werden und die Politik klar kommuniziert, wofür sie steht.

 

Wie können und sollten wir diese Erkenntnisse in unserer Arbeit nutzen? Worauf können Fachkräfte und Multiplikator*innen in Sprache und Praxis achten? Können Sie an einem konkreten Beispiel darstellen, wir gängige Debatten anders geführt werden könnten?

Wer über Ernährung spricht, sollte die Menschen dort abholen, wo sie stehen – mit Respekt, Augenhöhe und konkreten Angeboten. Viele Menschen setzen sich bewusst mit Ernährung auseinander und sind bereit, Veränderungen mitzutragen und sogar mitzugestalten. Und dann gilt es zu verstehen, dass diese Widersprüche aus Sorgen, Ambitionen, Schutzbedürfnissen und Hoffnung durch jeden Einzelnen von uns gehen und Ambivalenz menschlich ist. Die Studie gibt uns klare Hinweise: Es geht nicht um Belehrung, sondern um Beteiligung. Wenn wir zuhören, ernst nehmen und gemeinsam gestalten, entsteht Vertrauen - und Veränderung.

Dabei macht Sprache einen Unterschied. Statt zu sagen „Wir müssen den Fleischkonsum drastisch senken“, könnte man formulieren: „Viele Menschen wünschen sich mehr Tierwohl – und sind bereit, dafür auch höhere Standards zu unterstützen.“ Das öffnet den Raum für Gespräche, statt ihn zu schließen.

Fachkräfte und Multiplikator*innen können dazu beitragen, dass Ernährung nicht als Spaltungsthema, sondern als gemeinsames Gestaltungsfeld verstanden wird. Sie schaffen Vertrauen, indem sie zuhören, Perspektiven einbeziehen und konkrete, alltagsnahe Lösungen anbieten. Denn: Essen verbindet. Diese Chance sollten wir nutzen, zum Beispiel mit Bildern wie dem gemeinsamen Tisch, an dem Menschen sich begegnen und in den Austausch kommen. Und auch die heimische Landwirtschaft spielt in diesen positiven Bildern eine wichtige Rolle: unsere Ergebnisse identifizieren vor allem die kleinen, familiären Betriebe als nahbare „Alltagshelden“.